Interview with Jane Royston – Es können nicht alle Banker Yoga-Lehrer werden

WATSON.CH, Philipp Löpfe

«Es können nicht alle Banker Yoga-Lehrer werden»

Was muss ein 20-jähriger tun, damit er einen anständigen Job erhält und auch in 20 Jahren noch Arbeit hat? Jane Royston, Professorin für Unternehmertum an der ETH Lausanne, gibt darauf eine Antwort und warnt, dass Digitalisierung und Automatisierung unsere Arbeitswelt auf den Kopf stellen werden.

Sie unterrichten, wie man Unternehmer wird. Kann man das überhaupt lernen? Hat man das nicht im Blut?
Als ich mein erstes Unternehmen gründete, hatte ich noch nie einen Managementkurs besucht. Aber ich hatte fünf Jahre in einem grossen Unternehmen gearbeitet. Das hat mir sehr geholfen. Um auf Ihre Frage zu kommen: Unternehmer zu sein, ist zwar eine Berufung. Aber es hilft, wenn man ein paar grundsätzliche Dinge beherrscht. Etwa, wie man verhandelt, ein Meeting organisiert oder wie man Abläufe sinnvoll strukturiert.

Jane Royston ist Verwaltungsratspräsidentin von AQUA+TECH und der Stiftung PRO. 1999 wurde sie die erste Professorin für Unternehmertum an der ETH in Lausanne. Am 21. März wird sie Teilnehmer sein am Anlass «4. Silicon Valley meets Switzerland». Er findet in der Aula der Universität Zürich statt. Mehr erfahrt ihr unter: www.siliconvalleymeetsswitzerland.com/

Ist es sinnvoll, in einem grossen Konzern zu arbeiten, bevor man sein eigens Start-up gründet?
Auf jeden Fall. Es hilft, wenn man weiss, wie man Verträge aufsetzt, was der richtige Lohn ist, etc. Wenn man diese Dinge beherrscht, dann heisst das nicht, dass man als Unternehmer erfolgreich sein wird, aber es vermindert das Risiko, dass man scheitert.

«Wer keine Visionen hat, hat keine Chance – und Geld ist keine Vision.»

In der heutigen Zeit werden viele junge Menschen Unternehmer, nicht weil sie es wollen, sondern weil sie dazu gezwungen werden.
Es gibt die These, wonach rund ein Prozent der Bevölkerung stets zum Unternehmertum neigt. Sie haben diesen Drang – oder dieses Gen – wie immer Sie es auch nennen wollen.

Was verstehen Sie konkret darunter?
Risikotoleranz, Visionen, den Wunsch, etwas eigenes schaffen zu wollen, beispielsweise. Zu diesen natürlichen Unternehmern kommt jedoch ein gewisser Prozentsatz von Menschen, die wirtschaftlich gezwungen werden, Unternehmer zu sein. Sie sind beispielsweise 45 Jahre alt, haben ihren Job verloren und müssen eine Familie ernähren. Sie müssen etwas eigenes auf die Beine stellen, irgendetwas, und sei es, Glace zu verkaufen oder einen Food-Stand zu eröffnen. Das erleben Sie vor allem in Entwicklungsländern.

Bei uns wird immer öfters das eigene Unternehmen als erster Schritt zum Milliardär gesehen. Zu Recht?
Wer keine Visionen hat, hat keine Chance – und Geld ist keine Vision. Sie haben ein Produkt und wollen damit die Welt verändern. Das allein zählt. Als junger Unternehmer müssen Sie sehr viel aushalten. Sie werden immer wieder scheitern und müssen immer wieder neu anfangen. Als ich mein erstes Unternehmen gegründet hatte, verkaufte ich in den ersten sechs Monaten überhaupt nichts. Wenn Sie nicht von Ihrem Produkt überzeugt sind, halten Sie das nicht durch.

Heute sprechen wir von einer Gig-Economy, einer Wirtschaft, in der jeder sein eigener Unternehmer ist. Mythos oder Realität?
Sie sprechen von Freelancern, das ist nicht das gleiche wie Unternehmer. Es besteht tatsächlich die Möglichkeit, dass künftig Unternehmen weniger Menschen fix anstellen werden. Es werden daher mehr Menschen als Freelancer arbeiten, als Uber-Fahrer, beispielsweise.

«Ich bin fest überzeugt, dass die digitale Wirtschaft nicht imstande sein wird, der Mehrheit der Menschen Arbeit zu geben.»

Wenn man 25-jährig ist, mag es Spass machen, Uber-Fahrer zu sein. Als 45-jähriger Familienvater weniger. Brauchen wir nicht ein neues soziales Netz, das die Freelancer auffängt?
Uber hat grosse Pläne, es will unsere gesamte Wirtschaft umkrempeln. Nicht nur Taxifahrer werden Freelancer, sondern auch Klempner, Elektriker und selbst Lehrer. Amazon wird den Buchhandel bald mehr oder weniger ausschalten und ist im Begriff, das gleiche mit fast allen anderen Produkten zu machen. Alle wollen die Mittelsmänner ausschalten. Selbstverständlich muss sich die Gesellschaft diesem neuen Trend anpassen.

Wie?
Ich bin überzeugt, dass wir früher oder später ein bedingungsloses Grundeinkommen brauchen.

Massenprotest gegen Uber. Ohne intelligente Lösungen für einen Wohlfahrtsstaat wird die Digitalisierung zu grossen sozialen Unruhen führen. bild: epa/efe

Reicht das, um die Ängste der Menschen in der neuen digitalen Welt in den Griff zu bekommen?
Menschen gehen sehr unterschiedlich mit ihren Ängsten um. Ein Unternehmer kann bestens schlafen, selbst wenn er nicht weiss, wie er den nächsten Tag überleben wird. Andere werden nervös, wenn das Tram eine Minute Verspätung hat. Aber selbstverständlich brauchen wir künftig eine intelligente Lösung, damit die Gesellschaft nicht auseinanderfällt.

«In Zürich sind Ingenieure billiger als im Silicon Valley.»

Es gibt auch die These, wonach mehr als die Hälfte der Menschen in der digitalen Wirtschaft gar nicht mehr benötigt werden. Was ist davon zu halten?
Man kann selbstverständlich darüber diskutieren, wann dies eintreten wird und wie viele Menschen es betreffen wird. Aber die Automatisierung schreitet derart schnell voran und betrifft so viele Bereiche, dass ich diese Entwicklung für unausweichlich halte.

Weshalb?
Nehmen wir beispielsweise die europäischen Banken. Es wird damit gerechnet, dass in diesem Bereich in den nächsten fünf Jahren rund eine Million Jobs abgebaut werden. Was wird mit all diesen Bankern geschehen? Wenn die selbstfahrenden Autos kommen: Was wird mit all den Lastwagen- und Busfahrern passieren? Selbst Ärzte werden von dieser Entwicklung erfasst werden. Bald werden Operationen und Diagnosen von Maschinen durchgeführt werden. Deshalb bin ich fest überzeugt, dass die digitale Wirtschaft nicht imstande sein wird, der Mehrheit der Menschen Arbeit zu geben.

Diese These ist heftig umstritten. So hat der wirtschaftsnahe Thinktank Avenir Suisse kürzlich eine Studie veröffentlicht, die sagt, es werde in der Schweiz noch lange genügend Jobs geben.
Ich war an einer Studie über die Zukunft der Finanzindustrie beteiligt. Wir haben die Topshots der Branche interviewt. Was mich dabei verblüfft und beunruhigt hat: Keiner hat eine Ahnung, was auf ihn zukommen wird. Sie verschliessen die Augen vor der digitalen Entwicklung. Für mich ist völlig klar: In zehn Jahren werden in allen Arbeitsbereichen sehr viele Jobs abgebaut werden.

Und was ist mit den neuen Jobs, die entstehen werden und die wir heute noch gar nicht kennen?
Es können ja nicht alle Banker Yoga-Lehrer werden, zumal wir sehr gute Yoga-Lektionen gratis via YouTube beziehen können. Es trifft zu, dass viele der Jobs, die unsere Kinder dereinst in zehn Jahren haben, heute noch gar nicht existieren. Ich bezweifle aber, dass es genug davon geben wird, um sieben Milliarden Menschen zu beschäftigen.

Warum ändern wir dann nicht unsere Work-Life-Balance? Warum verteilen wir die Arbeit nicht intelligenter und arbeiten alle weniger?
Das wäre wünschenswert, es müsste jedoch vom Staat verordnet werden. Die unter Wettbewerbsdruck stehenden Unternehmen können das nicht aus eigener Kraft beschliessen. Eine Gesellschaft, in der die Mehrheit der Menschen den ganzen Tag lang TV gucken und Bier trinken, ist mir jedoch auch nicht geheuer. Denn Menschen brauchen einen Sinn im Leben– und für die meisten ist das immer noch ihre Arbeit.

Selbst wenn es eine sinnlose Arbeit ist?
Wenn wir Depressionen in grossem Umfang oder soziale Unruhen vermeiden wollen, müssen wir den Menschen einen Sinn im Leben geben. Rassismus, Terrorismus, Nationalismus – all diese Dinge entstehen, weil die Menschen nach einem Sinn in ihrem Leben Ausschau halten.

«Wer heute die Universität verlässt, der weiss, dass er keinen Job auf sicher hat.»

Kehren wir zu den Start-ups zurück. In der Schweiz gibt es zu wenig davon. Weshalb?
Es fehlt das Geld, nicht das Wagniskapital, sondern das Geld, das nötig ist, um ein Start-up in ein Unternehmen zu verwandeln, das nicht 20, sondern 2000 Menschen beschäftigt.

Zu wenig Geld? Die Pensionskassen und andere institutionelle Anleger wissen ja nicht mehr, wohin mit dem Geld.
Das stimmt, aber das ist kein Wachstumskapital. Wir haben genügend so genannte Business-Angels, Menschen, die jungen Unternehmern Wagniskapital zur Verfügung stellen. 5, 10 oder 20 Millionen Franken, die sie brauchen, um ein Start-up auf die Beine zu bringen, dieses Geld lässt sich auftreiben. Aber mit dem Wachstumskapital hapert es.

Weshalb?
Weil es zu riskant ist. Pensionskassen beispielsweise dürfen von Gesetzes wegen nicht 100 Millionen Franken investieren, die nötig sind, um aus einem viel versprechenden Start-up ein multinationales Unternehmen zu machen.

Was bedeutet das in der Praxis?
Die kleinen Unternehmen bleiben entweder klein, oder sie werden von einem Grossen aufgekauft, oder sie wandern ins Silicon Valley aus. Es gibt nur wenig Ausnahmen von dieser Regel, Logitech etwa hat den Sprung geschafft und ist in der Schweiz geblieben. Als Forschungsplatz hingegen ist die Schweiz beliebt.
In Zürich sind Ingenieure billiger als im Silicon Valley.

Man hört auch immer wieder die Klage, wir seien zu bequem geworden. Teilen Sie diese Ansicht?
Nein. Ich habe zwei Töchter. Eine ist soeben in den Arbeitsprozess eingetreten, die andere studiert noch. Beide arbeiten sehr hart, beide haben grosse Angst, keinen Job zu erhalten. Wer heute die Universität verlässt, der weiss, dass er keinen Job auf sicher hat.

Wie war das bei Ihnen?
Ich schrieb 15 Unternehmen an, bekam 7 Zusagen und wählte den Job aus, bei dem ich am meisten verdiente. In den 80-er Jahren hatten wir paradiesische Zustände, heute ist das ganz anders. Meine Tochter musste hunderte von Bewerbungen schreiben, bis sie einen Job bekam. Wir leben in einer globalen Arbeitswelt. Für jeden Job in einem multinationalen Unternehmen melden sich bis zu 3000 Bewerber. Sie werden von Robotern aussortiert. Danach müssen die Jungen einen Online-Test bestehen, bis sie schliesslich die Möglichkeit bekommen, sich einem Menschen vorzustellen. Einen anständigen Job zu ergattern ist heute alles andere als bequem geworden.

Was muss man als 20jähriger tun, damit man auch in 20 Jahren noch einen Job hat? Es braucht Mut, sich bietende Gelegenheiten beim Schopf zu packen. Es braucht auch die entsprechenden Fähigkeiten und die Kenntnis von fremden Sprachen. Und es braucht die Erkenntnis, dass die Welt global geworden ist und sich überall Gelegenheiten ergeben, nicht nur vor der eigenen Haustür.

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